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Quelle: http://www-user.tu-cottbus.de/~kohlbfl/i_scenario/kurzweil.htm
 

Was bleibt vom Menschen?

    In diesen Tagen startet der Film "eXstenZ", in dem die Grenzen zwischen Mensch und Maschine
    verschwimmen.
    Der Forscher Ray Kurzweil ist sicher, dass Maschinenwesen bald Realität sein werden.

    Über wie viel Intelligenz verfügen Computer im Vergleich zum menschlichem Gehirn?
    So viel wie ein Insekt. Computer sind, zwar schon heute viel einflussreicher, als man sich das meist vorstellt.
    Beispielsweise werden bereits fünf Prozent des 22 Billionen Dollar schweren amerikanischen Aktienmarkts
    von intelligenter Software gemanagt. Aber insgesamt entsprechen die Informationsverarbeitungs-Kapazitäten
    eines Durchschnittscomputers im Jahr 1999 noch denen einer Fliege.

    Das wird sich rasch ändern, sagen Sie.
    Die Leistungsfähigkeit eines Computers verdoppelt sich gegenwärtig fast jährlich. So wird ein PC im
    Jahr 2019  etwa dieselbe rechnerische Potenz haben wie ein menschliches Gehirn. Er wird also in der Lage
    sein, pro Sekunde 20 Millionen Milliarden Berechnungen durchführen.

    Macht ihn das intelligent ?
    Rechenkapazität ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung, um menschlichen Verstand zu
    besitzen. Zusätzlich benötigen wir Software. im Jahr 2030 werden wir so viel Software-Intelligenz haben, dass
    Computer und andere nichtbiologische Wesen so intelligent sind wie Menschen.

    Und am Ende des nächsten Jahrhunderts?
    Sobald Computer die Finesse, den Scharfsinn, die Tiefgründigkeit, den Wissensumfang und die Fähigkeit
    haben, komplexe Zusammenhänge und Emotionen zu fühlen und zu verstehen - alles Dinge, die uns
    Menschen heute noch überlegen machen -, werden sie sehr schnell noch sehr viel intelligenter werden als
    jedes menschliche Wesen. Und zwar aus drei Gründen: Erstens können Computer ihr Wissen problemlos
    untereinander austauschen, zweitens arbeiten sie wesentlich schneller als das menschliche Hirn, und
    drittens ist ihr Gedächtnis präziser als bei uns.

    Die Maschinen übernehmen die Macht?
    Es geht hier um keine Invasion aus der Ferne des Weltalls! All dies entsteht aus der Mitte unserer Zivilisation
    heraus. Mensch und Maschine werden verschmelzen. Sie werden eins.

    Wollen Sie etwa sagen, dass es am Ende des nächsten Jahrhunderts keine Unterscheidung zwischen
    Mensch und Maschine gibt ?

    Wir werden eine ganze Reihe von Kombinationen zwischen Mensch und Maschine haben. Computer werden
    so klein sein, dass sie innerhalb unseres Körpers und unseres Gehirns existieren können. Menschen werden
    ihre Organe und ihren Geist mit nichtbiologischer Intelligenz aufrüsten und vervollkommnen. Kleinstcomputer
    von der Größe einer Zelle werden unsere Gehirnfunktion verbessern. Und weil Maschinenintelligenz
    exponentiell zunimmt, menschliche aber weitgehend gleich bleibt, wird der nichtbiologische Teil unseres
    Verstands auf Dauer dominieren. Wir werden Maschinenwesen haben, die ganz und gar nichtbiologisch sind,
    aber auf einer genauen Kopie des menschlichen Hirns beruhen. Sie werden absolut menschlich wirken,
    menschliche Persönlichkeiten und menschliche Reaktionen haben.

    Das klingt nach dem Ende der Evolution.

    Absolut nicht. Dies ist die nächste Stufe der Evolution. Die biologische Evolution ist am Ende, aber men-
    schliche Intelligenz  wird sich weiterentwickeln - jetzt allerdings auf der Basis der technologischen Evolution.

    Gegenwärtig können Computer nicht einmal zwischen Katze und Hund unterscheiden, geschweige denn
    logisch denken.  Und diese Maschinen sollen unsere Partner werden ? Was macht Sie da so sicher ?
    Das Gesetz vom steigenden Ertragszuwachs. Evolution geht im Laufe der Zeit immer schneller vonstatten.
    Die technologische Evolution ist dafür ein gutes Beispiel, inzwischen erleben wir alle paar Jahre einen neuen
    Paradigmenwechsel. Zum rasanten, exponentiellen Wachstum der Leistungskraft von Computern kommt die
    Tatsache, dass Technologie immer kleiner wird. Aus beidem können wir ableiten, wo wir im Jahr 2020 stehe
    werden. Außerdem werden wir so genannte Nanobots haben, kleine Computer, die wir durch den Blutkreis-
    lauf in unser Gehirn schicken, wo sie alles abtasten, Synapse für Synapse, Neurotransmitterfür Neurotrans-
    mitter. Damit sind wir dann in der Lage, ein menschliches Hirn genau zu kopieren. In ihren Grundzügen
    existierenall diese Technologien bereits.

    Die Kopie des menschlichen Gehirns wird dann heruntergeladen in einen Computer?

    Genau. Der Computer wird zu einem hundertprozentigen Abbild meines Gehirns. Und das neue Wesen wird
    sich soverhalten wie ich. Es wird meine Persönlichkeit, mein Wissen, meine Erinnerungen und Fähigkeiten
    haben.

    Moment mal - auch meine Emotionen, meine Gefühle von Trauer, Wut oder Liebe ?

    Das Wesen Ray Kurzweil hat Emotionen und kann logisch denken. Dies sind keine mystischen Qualitäten,
    sondern Resultate von Informationsprozessen in meinem Gehirn. Eine Kopie bildet genau dieselben
    Prozesse ab.

    Wie wird die Kommunikation mit anderen Menschencomputern ablaufen?

    Eine ganz wichtige Anwendung der Nanobot-Technologie ist virtuelle Realität. Wir werden Milliarden Neuronen
    in unser Gehirn schicken, die sich an jedem einzelnen, von unseren Sinnesorganen herkommenden
    Nervenstrang festsetzen. Wenn wir reale Realität erleben wollen, dann halten die Nanobots still. Für das
    Erlebnis virtueller Realität unterbrechen sie die Zufuhr realer Reize und setzen künstliche Signale an ihre Stelle.

    Können wir das Umschalten steuern ?

    Sie werden die Nanobots mental kontrollieren können. Also: Mein realer Arm wird sich nicht bewegen,
    obwohl alle meine Sinneswahrnehmungen darauf hindeuten. In dieser virtuellen Welt kann ich mich auch
    mit anderen Leuten treffen. Wir könnten diese Diskussion in einem Café in Hamburg haben.

    Und ich soll mich genauso daran erinnern wie an unsere Begegnung hier in Boston ?

    Aber ja! Im nächsten Jahrhundert wird das World Wide Web aus virtuellen Begegnungsstätten bestehen,
    die genauso real sind wie jeder reale Ort der Welt.

    Die Reiseindustrie wird das nicht goutieren.
    Sie werden in die Website von Sankt Moritz eintauchen, Ski fahren und den kalten Wind auf Ihrer Haut spüren.
    Sie werden über einen Strand am Mittelmeer laufen und den heißen Sand unter Ihren Füssen fühlen.

    Und ich werde endlich Sex mit der Frau meines Nachbarn haben.

    Sie werden eine virtuelle Person kreieren, die so aussieht wie Ihre Nachbarin. Auf Dauer macht es dann
    sowieso nichts mehr aus, ob die andere Person virtuell oder real ist.

    Welchen Einfluss hat diese Entwicklung auf die Arbeit?

    Die Natur unserer Arbeit verändert sich schon jetzt. Der Bedarf an körperlichen, einfachen Arbeiten sinkt.
    Neue Jobs werden überwiegend am oberen Ende der Wissensskala geschaffen. Dieser Trend wird sich
    beschleunigen. Arbeit wird immer mehr darin bestehen, neues Wissen zu schaffen.

    Das gilt ja wohl höchstens für das obere Drittel der Bevölkerung in Industrieländern!
    Es wird immer weniger so genannte "niedere" Arbeiten geben ...

    Keine Hausmeister mehr, keine Sekretärinnen, Kellner, Taxifahrer, Kassiererinnen?

    Schauen Sie sich die Beschäftigungsstatistiken an. Sie werden sehen, dass fast überall immer mehr
    Wissen verlangt wird. Die Bildungsausgaben hier in Amerika haben sich in den letzten 100 Jahren
     verzehnfacht. Im nächsten Jahrhundert wird ein Punkt erreicht werden, an dem die Fähigkeiten eines
    Durchschnittsmenschen nicht mehr ausreichen. Wer dann am Wirtschaftsleben teilnehmen will, wird
    sein Gehirn mit künstlicher Intelligenz aufrüsten müssen. Gleichzeitig brauchen wir aber keine Angst
    zu haben, dass nicht für uns gesorgt wird. Ich sage anhaltendes Wirtschaftswachstum voraus. Damit
    können die Grundbedürfnisse der menschlichen Rasse vollauf befriedigt werden.

    Ihr Optimismus in Ehren, aber es ist natürlich leicht, solche Dinge vorauszusagen, wenn man selber
    nicht mehr erleben wird, ob all diese Prognosen eintreten.

    Oh, ich hoffe durchaus, noch dabei zu sein. In etwa zehn Jahren wird die Biotechnologie in der Lage
    sein, die menschliche Lebenserwartung jährlich um ein Jahr zu verlängern. Später ermöglicht uns
    die Nanotechnologie dann, Organe und Körperteile Molekül für Molekül zu reparieren und neu
    zusammen- zubauen. Damit sind der Lebenserwartung praktisch keine Grenzen mehr gesetzt.

    Wie langweilig: In Zukunft ist für alles gesorgt, ich kann mir jeden Wunsch erfüllen, und sterben
    muss ich auch nicht mehr.

    Nein, alle Ihre Wünsche werden auch zukünftig nicht in Erfüllung gehen. Wir werden ganz neue
    Träume haben und weiterhin frustriert sein über all das, was wir nicht können. Aber eine praktisch
    grenzenlose Intelligenz wird auch unsere Kreativität vergrößern. Wir werden Besseres, Schöneres
    erschaffen. Das ist doch wohl das Gegenteil von Langerweile.

    Und was ist mit den Gefahren? Ihre Nanobots könnten sich gegen uns verschwören.

    Ich male hier kein Utopia an die Wand. Um Nanobots sinnvoll einsetzen zu können, brauchen wir
    Billionen von ihnen. Dafür müssen sie sich selbst vermehren können, genauso, wie sich Zellen
    durch Teilung vermehren. Zellen ist normalerweise einprogrammiert, wann sie damit aufhören
    müssen, damit nicht aus Wachstum Krebs wird. Ähnliches könnte auch bei den Nanobots passieren.
    Aber so ist das doch mit jeder neuen Technik. Die Biotechnologie bringt uns einerseits Riesenfortschritte
    bei der Bekämpfung von Krebs oder Aids; andererseits könnten mit ihrer Hilfe in jedem kleineren
    Laboratorium Patogene entwickelt werden, die mehr Zerstörungskraft haben als eine Atombombe.
    Anders als die biologische Evolution ist aber die technologische Evolution kein quasi automatischer,
    geistloser und unbeseelter Prozess. Menschliche Intelligenz, menschlicher Geist geben ihr Richtung.
    Unsere Verantwortung besteht darin, diese Evolution in konstruktive Bahnen zu lenken.

    Dafür besteht aber doch keine Chance mehr, wenn Maschinen irgendwann intelligenter sind als wir!

    Die Möglichkeit existiert, dass es Maschinen- Renegaten geben wird, die sich der Kontrolle der
    menschlichen Zivilisation entziehen und zerstörerisch agieren. Aber noch einmal: Maschinen wird
    man nicht mehr getrennt vom Menschen sehen können. Kooperation wird die Regel sein. Um
    diese zu gewährleisten, benötigen wir dann aber zumindest eine Techno-Elite, eine Prätorianergarde,
    High- Tech-Hohepriester, die den großen Rest der überwiegend "dümmeren" Menschen lenkt und
    kontrolliert. Eine wirkliche Privatsphäre haben wir überdies wohl auch nicht mehr, wenn sich jeder
    bei jedem einklinken kann.

    Bewegt sich Technologie nicht gerade in jüngster Zeit weg von zentraler Kontrolle?

    Computertechnik ist mit dem Internet doch im Gegenteil hochgradig dezentralisiert. So etwas
    muss auch in Zukunft sichergestellt werden. Was den Datenschutz angeht: Das wird eines der
    wichtigsten Themen der nächsten Jahrzehnte sein. Natürlich ist es prinzipiell möglich, dass
    irgendjemand Billionen Nanobots ausschickt, die in den Gehirnen der Menschen spionieren
    und sie beeinflussen könnten. Nur ständig bessere Methoden der Verschlüsselung, die sich
    in der Hand jedes einzelnen Inviduums befinden, werden dem entgegenwirken.

    Mal ganz grundsätzlich gefragt: Warum eigentlich sollte sich die menschliche Rasse wissentlich
    auf diesen Weg begeben? Auf einen Weg immerhin, auf dem wir den uns von der natürlichen
    Evolution - manche würden sagen: von Gott - gegebenen Körper und Geist einfach aufgeben.
    Ich glaube nicht, dass wir eine Wahl haben. Einmal liegt dies in der Natur von Auslese und
    ökonomischen Wettbewerb. Zum anderen in der Natur von Technologie. Seit wir Menschen
    Technologie nutzen, schaffen wir uns die Welt neu. Das ist wie ein vorgezeichneter Pfad und
    wird immer so weitergehen.

    Wir werden Software, heruntergeladen in ein Maschinenwesen, in dem wir dann bewusst existieren?

    Ob ein Maschinenwesen dasselbe "Bewusstsein" haben wird wie das ihm zugrunde liegende
    menschliche Original, das wird eine der großen philosophischen Fragen des 21. Jahrhunderts sein.
    Wir werden das Problem in ganz praktischer Weise lösen müssen, weil diese nicht biologischen
    Wesen überzeugend darlegen werden, dass sie Bewusstsein, Ratio und Emotionen haben. Software
    ist nichts anderes als ein komplexes Muster von Informationen. Das sind auch wir Menschen.

    Das Einzige, was uns dann noch umbringen kann, ist ein Software-Virus?
    Heute sterben wir, wenn unsere Hardware zusammenbricht. Wir werden an einen kommen, an dem
    das Überleben unserer "mind-file" nicht mehr von der Hardware abhängt. Andererseits muss Software
    ständig erneuert, gepflegt und instand gehalten werden, um in sich verändernden Systemen weiter
    existieren zu können. Gepflegt wird Software aber nur, wenn sie einen Wert hat. Ohne Wert wird sie
    obsolet, stürzt ab und stirbt.

    Ist das eine Vorausschau auf den Tod im Jahre 2089?

    Ist das so anders als heute? Einige Menschen haben keine Lust mehr aufs Leben, sie verfallen und
    sterben. Andere wollen leben, sie achten auf sich und leben länger. Wenn Software, ob nun Menschen-
    Software oder Computer-Software, Air einen selbst keinen Wert mehr hat - dann ist das der Tod.
 

    Ray Kurzweil
    , 51 Jahre alt, ist Sohn jüdischer Immigranten aus Wien. Seit seinem Studium der
    Computerwissenschaften und Literatur am MIT (Massachusetts Institute of Technology) arbeitet
    er als Wissenschaftler, erfolgreicher Unternehmer und Erfinder, etwa von Lesemaschinen für Blinde,
    Spracherkennungssystemen oder einer Maschine, die während des Telefonierens zeitgleich
    vom Englischen ins Deutsche übersetzen kann. Das "Wall Street Journal" bezeichnete Kurzweil als
    "ruheloses Genie"

Weiterführende Literatur:

                  Ray Kurzweil
                  Homo s@piens
                  Leben im 21. Jahrhundert - was bleibt vom
                  Menschen?
                  Verlag Kiepenheuer & Witsch
                  ISBN 3-462-02741-7

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